Industrielle Informatik als Schlüssel zu Nachhaltigkeit

Interview mit Stefan Huber
Industrielle Informatik als Schlüssel zu Nachhaltigkeit
Ohne die Informationstechnologien sind die 17 Ziele zur nachhaltigen Entwicklung nicht zu erreichen, ist Stefan Huber, Forschungsgruppenleiter des Departments Information Technologies and Digitalisation, überzeugt.
Was trägt die Informationstechnologie zu mehr Nachhaltigkeit bei?
Ich will das breiter fassen und zunächst von industrieller Innovation im Allgemeinen sprechen. Wenn wir die geschichtliche Entwicklung betrachten, können wir feststellen, dass es der Menschheit heute global viel besser geht als vor 20 Jahren oder gar vor einem Jahrhundert. Die großen Verbesserungen wurden querbeet durch Innovation ermöglicht. Ein Beispiel: Heute erhalten weltweit 80 Prozent der Kinder bis zum ersten Lebensjahr eine Impfung. Das ist durch industrielle Innovationen in der Massenproduktion von günstigem Impfstoff möglich geworden. Auch die Halbierung der extremen Armut in den vergangenen 20 Jahren hat viel mit industrieller Innovation zu tun. Für mich ist deshalb Forschung und Lehre in diesem Bereich von zentraler Bedeutung, um die 17 SDGs zu erreichen. Sie zahlt auf die gesamte Breite der nachhaltigen Ziele ein – von der Armutsbekämpfung, über die Beseitigung von Hunger, Gesundheitsverbesserung, menschenwürdige Arbeit bis hin zu Wirtschaftswachstum und Frieden.
Was hat das Department Information Technologies and Digitalisation dabei bisher erreicht?
Unser Forschungsschwerpunkt „Industrielle Informatik“ deckt sich natürlich mit SDG 9 – Industrie, Innovation & Infrastruktur – in allen drei Aspekten. Wir schaffen etwa Methoden für intelligente und sichere Industrieautomatisierung. Wir haben gleich drei Forschungsgruppen, die sich mit kritischer Infrastruktur beschäftigen, vorrangig Energiesysteme, aber auch Smart Cities. Man könnte sagen, unser jährliches Forschungsvolumen von bis zu zwei Millionen Euro arbeitet an einer nachhaltigen Zukunft.
Welche Leuchtturmprojekte gibt es?
Das Josef Ressel Zentrum für Intelligente und Sichere Industrieautomatisierung und das Josef Ressel Zentrum for Dependable System-of-Systems Engineering von Christian Neureiter sind hier sicher zwei Leuchttürme. Darüber hinaus haben wir noch viele einzelne Projekte, etwa das EU-Interreg-Projekt AI4GREEN, in dem wir Methoden für selbstlernende KI entwickeln, die es ermöglichen, die Energieeffizienz von Robotern oder einzelnen Antriebsachsen zu erhöhen. Das zahlt damit in die SDGs 7, 12 und 13 ein. Unsere Forschung trägt auch dazu bei, dass wir innovativer und wettbewerbsfähiger werden, und stärkt damit SDG 8.
Wie sieht es mit der interdisziplinären Zusammenarbeit aus?
Die Kooperation liegt in der Natur der Informatik, da sie selten für sich selbst in Erscheinung tritt, sondern meist in Anwendungsdomänen. Hier könnten wir etwa einen weiteren Leuchtturm nennen: das FWF doc.funds.connect von Michel Gadermayr zusammen mit dem Department Gesundheitswissenschaften und der Uni Salzburg. Hier wird Machine Learning für Gesundheitswissenschaften erforscht und damit SDG 3 adressiert. Andere Beispiele sind etwa Kooperationen mit dem Department Design and Green Engineering in Kuchl zu Energiesystemen, mit Bezug zu SDG 7.
Das SDG 5 ist Geschlechtergleichheit. Wie sieht es mit Frauen in der Informatik aus?
Leider liegt die Frauenquote in den technischen Studiengängen in Österreich weiterhin unter 20 Prozent. Aber wir haben auch Erfolgsgeschichten: Stefan Wegenkittl hat in seinem Studiengang „AI for Sustainable Technologies“ eine Frauenquote von 50 Prozent erreicht. Das ist beachtenswert. Davon kann man lernen und es wird hoffentlich helfen, eine verstärkende Spiralentwicklung loszutreten.
Gelingt es, Forschung für eine nachhaltige Zukunft in die Praxis zu bringen?
Die Forschung an der FH ist stets an der Anwendung ausgerichtet, das ist sozusagen in unseren Genen. Aber Forschung liefert zunächst immer einen Konjunktiv. Daher sind die unterschiedlichen Transferaktivitäten an unserem Department so wichtig, um daraus Wirklichkeit zu machen. Ohne Forschung und Lehre sind die SDG auf lange Zeiträume gedacht nicht erreichbar.