Interview

20 Jahre Gesundheits­wissenschaften

FH-Rektor Dominik Engel und Departmentleiterin Geja Oostingh

Vor 20 Jahren startete die akademische Ausbildung der Gesundheitsberufe an der FH Salzburg. Seither haben sich nicht nur Berufsbilder und Anforderungen verändert. Auch Forschung, interprofessionelle Zusammenarbeit und internationale Vernetzung haben an Bedeutung gewonnen. FH-Rektor Dominik Engel und Departmentleiterin Geja Oostingh blicken gemeinsam zurück und in die Zukunft: auf aktuelle und zukünftige Kompetenzfelder der Absolvent*innen, die Weiterentwicklung der Studiengänge, neue Angebote und den Ausbau der Forschung.

20 Jahre Gesundheitswissenschaften an der FH Salzburg: Wenn Sie zurückblicken, was hat sich in diesen zwei Jahrzehnten am stärksten verändert? Welche Bedeutung hatte die Akademisierung für die Berufe?

Dominik Engel: Die Akademisierung war wichtig und richtig. Die Kolleg*innen aus den Gesundheitswissenschaften sind aus der FH Salzburg heute nicht mehr wegzudenken. Es gibt einen gegenseitigen Austausch, der sehr gut funktioniert. Gleichzeitig sind die Anforderungen an die Tätigkeiten in den Gesundheitsberufen heute andere als vor 20 Jahren. Gerade deshalb ist die sehr praxisnahe Ausbildung nach wie vor wichtig. Wir können mit voller Überzeugung sagen: Das ist geglückt.

Geja Oostingh: Am Anfang gab es noch eine gewisse Konkurrenz zwischen den Akademien und den neuen Ausbildungen, auch auf dem Arbeitsmarkt. Es ist uns gut gelungen, diese Differenzen und das Konkurrenzdenken zu überwinden. Prägend war außerdem der Ausbau der Forschung. Das wäre in dieser Form ohne den tertiären Sektor nicht möglich gewesen. Durch die Forschung ist es gelungen, die Sichtbarkeit der Gesundheitswissenschaften deutlich zu stärken.

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20 Jahre Gesundheitswissenschaften: Worauf sind Sie besonders stolz?

Geja Oostingh
Leiterin Department Gesundheitswissenschaften

Dominik Engel
Rektor der FH Salzburg

Gesundheitsberufe werden nach wie vor getrennt ausgebildet. Ein aktuelles Thema ist aber die ganzheitliche Gesundheitsversorgung, das Zusammenspiel verschiedener Professionen. Wie bereiten Sie die Studierenden darauf vor?

Geja Oostingh: Das ist eine große Herausforderung. Auf der einen Seite müssen wir gesetzliche Rahmenbedingungen erfüllen, weshalb vieles zunächst professionsspezifisch bleibt. Gleichzeitig schaffen wir Lehrveranstaltungen, in denen sich die Studierenden vernetzen und interprofessionelles Arbeiten üben, etwa die Lehrveranstaltung „GW vernetzt“ oder die interdisziplinäre Fallarbeit. Dabei lernen die Studierenden: Wo liegen meine eigenen Grenzen und wann brauche ich andere Professionen?

Nach und nach unterrichten außerdem Lehrende in verschiedenen Studiengängen. Lehrende aus der Ergotherapie lehren beispielsweise in der Gesundheits- und Krankenpflege, Lehrende aus der Hebammenausbildung in der Physiotherapie. Das ist für die Studierenden sehr wichtig und eine gute Entwicklung. Die getrennten Berufe wird es aber weiterhin geben. Generalist*innen in so kurzer Zeit auszubilden, wird nicht möglich sein.

Bleiben wir bei der Interdisziplinarität: Welche Rolle spielen die Schnittstellen zu anderen Disziplinen und die internationale Zusammenarbeit?

Dominik Engel: Hier zeigt sich eine große Stärke unserer Departmentstruktur. Ein Beispiel ist das Doktoratsprogramm REVELATION in Kooperation mit der Universität Salzburg, an der Schnittstelle von Informationstechnologie und Gesundheitswissenschaften. Dort geht es unter anderem um IT-Anwendungen, etwa bildgebende Verfahren. Ein weiteres Beispiel aus der Forschung ist die Erforschung der Rindenextrakte an der Schnittstelle von Gesundheitswissenschaften und Green Engineering. Insgesamt entstehen immer wieder solche Schnittstellen und diese Entwicklung wollen wir weiter fördern. Der neue Master Applied AI in Health Care in Kooperation mit der PMU, der gerade gestartet ist, ist ein Beleg für diesen Weg.

Geja Oostingh: Auch der internationale Austausch ist sehr wichtig. Mit EduCare 5.0, einem internationalen Projekt, das wir gemeinsam mit 9 weiteren europäischen Hochschulen eingereicht haben, haben wir 2023 den europäischen Weg weiter eingeschlagen. Der Projektantrag wurde damals mit dem ‚Seal of Excellence‘ der EU ausgezeichnet. Damit haben wir uns auf der europäischen Landkarte in der Gesundheitsforschung positioniert. Das ist auch deshalb relevant, weil viel Forschungsförderung von der EU kommt.

Und auf der Ausbildungsebene?

Geja Oostingh: Auch auf Ebene der Ausbildung spielt Internationalisierung eine große Rolle. Neben den Austauschprogrammen für internationale Praktika und Auslandssemester, prägen bereits seit Langem erfolgreich laufende internationale Projekte wie Go4EOT in der Ergotherapie oder das internationale Netzwerk für Pflegekräfte, ENNE, die Studiengänge. Von diesem internationalen Austausch lernen wir sehr viel. Wir sehen aber auch, dass unsere Professionen beziehungsweise Ausbildungen nicht in allen Ländern gleichermaßen anerkannt werden. Daran müssen wir weiterarbeiten, um auch internationale Karrieren zu ermöglichen. EU-Projekte können dazu beitragen, dass wir uns weiter annähern.

Welche Kompetenzen werden künftig für die Absolvent*innen wichtiger und wie müssen sich die Studienangebote dafür weiterentwickeln?

Geja Oostingh: Aktuell merken wir, dass neue Kompetenzen und mehr Eigenverantwortung in allen Berufsgruppen hinzukommen. Das legt auch das neue Berufsgesetz fest. Ein Beispiel ist bei den Biomedizinischen Analytiker*innen die medizinische Befundung. Darauf müssen wir die Bachelorstudierenden schon heute vorbereiten: Sie sollen den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen, und zugleich ihre Grenzen kennen. Für die wachsende Verantwortung braucht es neue Studienangebote, insbesondere Masterstudiengänge.

Dominik Engel: Das kann ich nur unterstreichen. Masterstudiengänge werden essenziell sein. In den Gesundheitsberufen haben wir gezeigt, dass wir schnell auf Bedarfe reagieren können. Generell geht es darum, neue Anforderungen in die Curricula zu integrieren und weiterhin Absolvent*innen auszubilden, die auf hohem Niveau im Gesundheitswesen arbeiten können.

Geja Oostingh: Bezüglich des Bedarfs kann ich ergänzen, dass wir das Angebot erweitern. Unser neuer Studiengang Logopädie mit Start 2027 ist ein Schritt in diese Richtung. Was den quantitativen Ausbau betrifft, bin ich aber froh, dass wir nicht zu schnell, zu stark gewachsen sind. Bei der Gesundheits- und Krankenpflege, die innerhalb weniger Jahre extrem gewachsen ist, haben wir gemerkt, was für ein Kraftakt eine solche Entwicklung ist.

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Welches Thema wird die Gesundheitsberufe in den nächsten zehn Jahren am stärksten prägen?

Geja Oostingh
Leiterin Department Gesundheitswissenschaften

Dominik Engel
Rektor der FH Salzburg

Welche Rolle wollen die Gesundheitswissenschaften der FH Salzburg künftig in der Forschungslandschaft spielen und wo liegen heute schon besondere Stärken?

Dominik Engel: Das Land Salzburg hat eine klare Strategie mit den Schwerpunkten Life Sciences und Digitalisierung entwickelt. Beides sind Stärkefelder der FH Salzburg, und dafür sind wir im Bundesland gut vernetzt. Wir würden uns wünschen, dass diese Schwerpunkte gemeinsam mit allen Akteur*innen in Salzburg weiter ausgebaut werden. An der Schnittstelle liegen etwa automatisationsunterstützte Befundung, digitale Inhalte in der Pflege oder Health Informatics. Hier kann die FH Salzburg einen wichtigen Beitrag leisten.

Geja Oostingh: Wir haben seit 2023 zwei Forschungsgruppen aufgebaut. In der einen geht es vor allem um Digitalisierung im Gesundheitssystem, beispielsweise in den EU-Projekten DigiCare und THRIVE. Die zweite ist stärker diagnostisch ausgerichtet. Dort beschäftigen wir uns etwa mit KI, Deep Learning und KI in bildgebenden Verfahren. Eine weitere Stärke liegt bei der Erforschung von Pflanzenextrakten, beispielsweise mit Blick auf Hautkrankheiten. Hier haben wir ein starkes Netzwerk aufgebaut.

Zusammenarbeit ist dabei generell sehr wichtig. Rund 70 Prozent unserer Arbeit ist interdisziplinär. Seit acht Jahren arbeiten wir zum Beispiel mit STRATEC zusammen, testen deren Micro-Chips im Labor und unterstützen bei der Entwicklung. Diese gut laufende Kooperation möchten wir weiter ausbauen.

Herr Engel, Sie haben das Doktoratsprogramm REVELATION in Kooperation mit der Universität Salzburg bereits angesprochen. Wie wichtig sind durchgängige akademische Karrierewege für die weitere Entwicklung der Gesundheitswissenschaften?

Dominik Engel: Das ist eine sehr wichtige Entwicklung und damit zeigen wir auch, dass unsere Forscher*innen Doktorand*innen begleiten können. Ein Puzzlestein fehlt allerdings noch: die Masterstudiengänge. Es braucht flächendeckende Masterangebote für die Gesundheitswissenschaften. Und in den Bereichen, in denen wir forschungsstark sind, möchten wir perspektivisch auch das Promotionsrecht bekommen. REVELation ist dafür ein wichtiger Schritt.

Geja Oostingh: Wissenschaftliche Karrierewege schaffen wir auch heute schon immer wieder. Wir haben regelmäßig Doktorand*innen über Kooperationen. Darauf wollen wir uns künftig noch stärker fokussieren.

Dominik Engel: Gleichzeitig arbeitet ein großer Teil unserer Absolvent*innen weiterhin in der Praxis. Die Aufgaben differenzieren sich zunehmend, und für jede Ausbildungsstufe soll es die passende Ausbildung geben.

Zum Abschluss der Blick nach vorne: Wo sollen die Gesundheitswissenschaften der FH Salzburg im Jahr 2040 stehen?

Geja Oostingh: Wenn wir 2040 irgendwo stehen, dann hoffentlich zusammen. Ein Bildungscampus für die Gesundheitswissenschaften wäre mein großer Wunsch. Wenn wir wirklich in einem Gebäude sein könnten, wäre interdisziplinäres und interprofessionelles Arbeiten noch besser möglich. Inhaltlich wünsche ich mir bundes- oder landesfinanzierte Masterstudiengänge und Spezialisierungen in vielen Bereichen.

Dominik Engel: Dem schließe ich mich vollumfänglich an. Besonders dem Wunsch nach Masterstudiengängen, die wir dringend brauchen. Und ich wünsche mir weiterhin, dass unsere Studierendenzahlen gut zum Bedarf im Bundesland passen.

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Welchen Wunsch haben Sie für die Gesundheitswissenschaften der FH Salzburg?

Geja Oostingh
Leiterin Department Gesundheitswissenschaften

Dominik Engel
Rektor der FH Salzburg

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