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Bildung statt Einbildung: Gemeinsam wird man klüger

„Das ist mir zu hoch, da brauche ich Hilfe“ – das ist ein Gefühl, das wir nicht scheuen sollten. Im Gegenteil – es ist etwas Schönes. Wir sollten es aktiv anstreben.


Albert Einstein war verzweifelt. Seit Jahren war er auf der Suche nach der großen, umfassenden Theorie der Gravitation. Er hatte bereits einiges versucht, aber die Mathematik, die er für seine Berechnungen benötigte, war zu schwierig. Er schaffte es einfach nicht. „Du musst mir helfen, sonst werde ich verrückt!“ schrieb er an seinen Freund Marcel Grossmann. Und tatsächlich: Grossmann half. Einstein lernte, wie man mathematisch mit seltsamen verbogenen Raumdimensionen umgehen kann – und so entstand schließlich im Jahr 1915 das größte Werk seines Lebens, die Allgemeine Relativitätstheorie.

Einstein war schon zuvor einer der berühmtesten Physiker der Welt gewesen. Schon seit Jahren hatte er als genialer Wissenschaftler gegolten, als wegweisender Denker, als fachliche Autorität. Niemand hätte es ihm übelnehmen können, wenn er in selbstgefälliger Überheblichkeit gedacht hätte: „Wenn ich das nicht verstehe, dann versteht es ohnehin keiner!“ 

Er hätte die komplizierte Arbeit an der Relativitätstheorie einfach bleiben lassen können, um den Rest seines Lebens den Ruhm zu genießen, den ihm seine anderen Arbeiten bereits eingebracht hatten. Aber das tat er nicht. 

Albert Einstein hatte keine Angst vor dem Gefühl, eine Aufgabe nicht lösen zu können. Im Gegenteil: Er führte dieses Gefühl des Überfordertseins gezielt herbei. Er verbiss sich genau in jene Aufgabe, die sich eigentlich viel zu schwierig anfühlte. Und er war auch nicht zu stolz, um seine Überforderung einzugestehen und bei jemandem Hilfe zu suchen, der in diesem Punkt besser war als er selbst.

Nur dadurch gelang Einstein schließlich der größte Triumph seines Lebens – die Allgemeine Relativitätstheorie, die bis heute beste Theorie der Gravitation, die wir haben. Seine Formeln haben sich in unzähligen Experimenten bewährt, sie sind unter anderem auch eine unverzichtbare Basis für unsere heutigen globalen Positionierungssysteme. Nur weil Einstein konstruktiv damit umgehen konnte, sich dumm zu fühlen, gilt er heute noch als einer der klügsten Menschen der Weltgeschichte.

Es kann viele Gründe geben, etwas nicht zu wissen, oder falsche Vorstellungen im Kopf zu haben. Vielleicht hat uns jemand unvollständige oder falsche Information geliefert. Vielleicht sind wir einer Sinnestäuschung in die Falle getappt. Vielleicht glauben wir etwas, einfach weil wir es glauben wollen, nicht weil wir gute Argumente dafür haben. Die psychologische Forschung hat unzählige Mechanismen gefunden, mit denen wir uns selbst überlisten und uns in dumme Denkfehler verheddern.

Völlig egal, wie klug wir sind und wie gebildet wir sind – wir alle haben feste Überzeugungen, die der Realität einfach nicht entsprechen. Das liegt in der Natur des Menschen. Das ist auch nichts, wofür man sich schämen müsste. Aber echte Bildungsfortschritte erzielen wir nur, wenn wir zuallererst lernen, unsere eigenen Grenzen zu sehen und anzuerkennen. Erst dann können wir diese Grenzen auch überwinden.

Leider scheint der Trend eher in die Gegenrichtung zu gehen: Es ist populär, sich als unfehlbarer Star zu inszenieren, seine Schwächen zu vertuschen und einfach zu behaupten, man könne bereits alles. 

Das ist nicht ausschließlich schlecht – Selbstbewusstsein und Wagemut sind nützliche Eigenschaften. Aber bei manchen berühmten Milliardären und Superstars sehen wir auch: Wenn man das übertreibt, wird es gefährlich. 

Man muss eben auch – genau wie Albert Einstein – die Fähigkeit haben, die eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Nur wenn man versteht, wo man noch dazulernen muss, kann man klüger werden. Wir brauchen in der Bildung Mut und Zuversicht – aber manchmal auch ein bisschen Bescheidenheit. 

Kurzbiografie Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftspublizist. Er studierte Physik an der Technischen Universität Wien, wo er 2010 im Bereich der theoretischen Quantenphysik promovierte. Heute arbeitet er als Publizist an vielen unterschiedlichen Wissenschaftskommunikations-Projekten, er schreibt eine Wissenschaftskolumne für futurezone/Kurier, produziert eine Radiokolumne für den Sender Ö1 und vieles mehr. Aigner hat bisher drei populärwissenschaftliche Bücher verfasst, sein Buch "Warum wir nicht durch Wände gehen*" wurde zum "Wissensbuch des Jahres 2023" gekürt.