Die Wege der Tourist*innen besser verstehen
Alle reden von nachhaltigem Tourismus. Doch wer weiß wirklich, was Gäste wollen und wie sie sich an ihrem Urlaubsort wohin bewegen? Ein Projekt an der FH Salzburg hilft, die Besucher*innen durch Visualisierung ihrer Wege besser zu verstehen.
Geht es um die Zukunft des Tourismus, nimmt Stefanie Wallinger Wörter wie Overtourism oder Besucher*innenlenkung nicht gerne in den Mund. Die Forscherin am Department Business and Tourism der FH Salzburg beschäftigt sich damit, wie es gelingen kann, dass die zunehmende Reiselust vieler Menschen gut mit den Erwartungen und Erfordernissen am Urlaubsort einhergeht. Nachhaltiger Tourismus geht davon aus, dass ökologische, ökonomische und soziale Bedürfnisse im Einklang sind. Voraussetzung dafür ist, dass man die Wünsche und Bedürfnisse aller Beteiligten – von Gästen und Einheimischen ebenso wie jene der Unternehmen oder der Arbeitnehmer*innen – auch gut kennt. Das Projekt „Data-driven Tourism for Sustainability“, an dem Wallinger und ihr Kollege Lukas Grundner für die FH Salzburg mitarbeiten, trägt dazu bei, Gäste und ihre Wege besser zu verstehen. „Wie kann man vorhandene Daten mittels Künstlicher Intelligenz für nachhaltige Tourismusentwicklung nutzen?“, nennt Wallinger die Grundfrage des vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanzierten Projekts, an dem die Donauuniversität Krems und die Technische Universität Graz wissenschaftliche Partner sind. Im Konsortium arbeiten auch die Datenspezialisten Nexyo und DatenVorsprung sowie zwei Tourismusregionen – die Stadt Salzburg sowie die Gemeinde Bruck/Fusch im Pinzgau – mit.
Mit KI Bewegungen der Besucher*innen simulieren
Das Video zeigt eine Simulation eines ganzen Tages im August in der Stadt Salzburg. Attraktionen in grün sind geöffnet, in rot geschlossen. Blau sind Hotels, in denen die Tourist*innen übernachten, gelb sind sogenannte „Agenten“ die sich frei in der Stadt bewegen.
Vorhandene Daten aus der Vergangenheit werden verwendet, um mit Hilfe von künstlicher Intelligenz die Besucher*innenströme in der Region zu simulieren. In der Stadt Salzburg werden die Modelle unter anderem mit den Nutzungsdaten der beliebten Salzburg Card, mit der zu einem Pauschalpreis zahlreiche Sehenswürdigkeiten besucht werden können, oder Übernachtungszahlen gefüttert. Daraus errechnete die KI für so genannte Agenten – diese stehen für einzelne Besucher*innen – die Bewegungen von ihrem Hotel oder ihrem Parkplatz zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten, Geschäften oder Restaurants. Am Bildschirm kann man die simulierte Bewegung der Agenten mitverfolgen. „So bekommt man einen guten Überblick über die Bewegungsmuster in der Stadt“, sagt Wallinger. Je mehr Daten es gibt – etwa auch durch Mobilfunkanbieter –, desto genauer wird die Simulation. Alle verwendeten Daten sind anonymisiert und nicht personenbezogen, der Datenschutz hat einen hohen Stellenwert. Durch die mitdenkende KI werden auch verschiedene Szenarien simuliert. Da könnte man sich ansehen, wie sich die Besucher*innenströme bei Schlechtwetter, am Wochenende oder bei Veranstaltungen ändern. „Ich kann auch schauen, was passiert, wenn eine Attraktion schließt“, nennt die Forscherin verschiedene Fragen, die sich durch die Unterstützung des Modells besser beantworten lassen.
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„Es gibt viele Daten, sie laufen aber oft nicht zentral zusammen.
Damit wird das Potenzial dieses Schatzes für nachhaltigen Tourismus zu wenig genutzt."
STEFANIE WALLINGER
FORSCHERIN AM DEPARTEMENT BUSINESS AND TOURISM DER FH SALZBURG
Grundlage für Entscheidungen
Spannend ist auch die Konstellation der beiden touristischen Partner, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Während es in der Stadt Salzburg viele Tourist*innen und viele Daten gibt, hat Bruck/Fusch eine schlechtere Datenlage und weniger Gäste. Die Großglockner-Hochalpenstraße hat zwar hunderttausende Besucher*innen pro Jahr, der Ort selbst wird von den Gästen aber oft wenig beachtet. Die Frage, wie man die Menschen – etwa durch eine zusätzliche Attraktion – stärker in den Ort bringen könnte, beschäftigt die Touristiker*innen in Bruck/Fusch. Mit der Simulation lassen sich verschiedene Szenarien durchspielen und veranschaulichen. „Man bekommt eine bessere Grundlage für Entscheidungen“, nennt Wallinger einen Vorteil des Modells, das in drei Projektjahren Schritt für Schritt entwickelt und verfeinert wurde.
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Vorhandene Daten haben viel Potenzial
Die FH Salzburg sah sich in dem Projekt vor allem als Bindeglied zwischen der Technik und der Tourismuswirtschaft. Unter anderem wurden in den Tourismusregionen Interviews zu vorhandenen Daten und deren Nutzung sowie zu Fragen der Nachhaltigkeit geführt. „Es gibt viele Daten, sie laufen aber oft nicht zentral zusammen. Damit wird das Potenzial dieses Schatzes für nachhaltigen Tourismus zu wenig genutzt“, schließt Wallinger aus den Interviews. Die Mobilität der Gäste ist dabei ein zentrales Thema. Damit nachhaltige Mobilitätsangebote genutzt werden, müsse die Qualität des Erlebnisses stimmen, sagt die Forscherin. Die Nutzung von vorhandenen Daten zur Simulation der Besucher*innenströme könne da eine gute Entscheidungshilfe liefern, ist Wallinger sicher. Weil eines weiß sie aus ihren bisherigen Projekten: Besucher*innenlenkung ist oft gut gemeint, funktioniert aber in der Praxis nicht. Deshalb: „Der Nutzen muss im Vordergrund stehen. Die Gäste nehmen alternative Angebote dann gut an, wenn sie mit einem besonderen Erlebnis oder kürzeren Wartezeiten verbunden sind.“