Unter Industrieller Informatik kann man sich als Laie wenig vorstellen. Wo stoße ich in meinem Alltag auf dieses Thema?
Man muss nur an die vielen Smart-Home-Anwendungen denken. Intelligente Lautsprecher, Lichter oder Kühlschränke sammeln Informationen in der Wohnung, um den Menschen den Alltag leichter zu machen. Die vielen Komfort- und Sicherheitsfunktionen, die vernetzte Autos heute haben, sind ein anderes Beispiel. Intelligente Fahrzeuge erkennen Verkehrszeichen oder messen den Abstand zu anderen. Diese Transformation zu Cloudlösungen, Künstlicher Intelligenz und immer smarterer Steuerung findet auch in der Industrie statt. Industrie und Informatik wachsen immer mehr zusammen, wir sprechen von Industrie 4.0.
Ein Beispiel?
Da geht es beispielsweise um die autonome Steuerung ganzer Produktionslinien oder die Automatisierung von Wartungs- und Servicearbeiten. Wir haben dafür vor zwei Jahren gemeinsam mit unseren Salzburgern Industriepartnern das Josef-Ressel-Zentrum für intelligente und sichere Industrieautomatisierung gegründet, um adäquate Antworten auf Fragestellungen wie Informationstransparenz, Vernetzung, dezentrale Entscheidungen und technische Assistenz in der Produktion zu finden.
Was ist der Unterschied zwischen Industrie 3.0 und der nächsten Stufe, der Industrie 4.0?
In der Industrie 3.0 stand die Frage, wie man mit Robotern und speicherprogrammierbaren Steuerungen unter Einsatz von IT vollautomatisierte Produktionslinien schafft. Die Industrie 4.0 geht einen Schritt weiter: Wir wollen nun eine autonome Produktion realisieren. Dabei haben wir die Vision einer Produktionsumgebung, die sich ohne menschliche Eingriffe weitgehend selbst organisiert, um die gewünschten Produkte herzustellen. Es geht um Themen wie Künstliche Intelligenz, Security und moderne OT-Architekturen mit Verbindungen in die Cloud. Wir sprechen in diesem Zusammenhang nicht mehr von IT wie Information Technology, sondern von OT wie Operational Technology. Das ist die Informatik für Maschinen und Produktionsanlagen.
Wo liegen die Herausforderungen?
Die Vernetzung birgt auch immer Gefahren, deshalb muss man die Systeme angriffssicher gegen Hacker*innen machen. Und nicht zuletzt ist die Künstliche Intelligenz ein weites Feld, das auch in der Industrie für viele Innovationen sorgen wird. Für alle diese Herausforderungen und Aufgabenstellungen braucht es Menschen, die etwas von Industrieautomatisierung, Robotik und Informatik verstehen.
Wohin geht die Entwicklung?
Wir wissen heute, wie man qualitativ hochwertige Produkte teil- oder vollautomatisiert industriell herstellt. Ein Smartphone könnte sich niemand leisten, wenn es nicht die automatisierte Fertigung durch Roboter gäbe. Arbeitsplätze verlagern sich von der Produktion zur Steuerung und Überwachung. Die Entwicklung geht aber über die Produktion hinaus. Industrieinformatik kann beispielsweise Servicemitarbeiter*innen bei ihrer Arbeit unterstützen. Das System meldet automatisch, welche Maschine ausgefallen oder welcher Teil defekt ist. Damit geht auch die Reparatur schneller, weil man sofort weiß, welche Ersatzteile gebraucht werden oder wo man bei der Fehlersuche ansetzen muss.
Welche Einsatzfelder gibt es noch?
Ein spannendes Feld ist vorausschauende Wartung: Mit Hilfe der entsprechenden Software erkennt eine Maschine von selbst, wann beispielsweise ein Ölwechsel notwendig ist. Man wartet nicht, bis etwas kaputt ist, sondern erledigt die Arbeiten zum notwendigen Zeitpunkt. Es geht immer um die Suche nach den besten und effizientesten Lösungen für industrielle Prozesse. Dazu braucht es Menschen mit hohen analytischen Fähigkeiten - genau das wollen wir unseren Studierenden vermitteln.
In welchen Bereichen werden die Absolvent*innen des Masterprogramms gebraucht?
Der Bedarf aus der Industrie ist riesengroß. In Salzburg haben wir das Glück, dass wir viele innovative Unternehmen haben, die sich genau mit diesen Fragen der Industrieinformatik und Robotik beschäftigen: Copadata, Sigmatek, B&R, Palfinger. Alles Firmen, die mit uns gemeinsam das Masterprogramm entwickelt haben und mit denen wir seit langem sehr eng zusammenarbeiten.
Wohin entwickeln sich industrielle Automatisierung und Industrieroboter in fünf oder zehn Jahren?
Ich glaube, dass die Künstliche Intelligenz einen riesigen Impuls bringen wird, damit Roboter noch besser und verlässlicher werden. Die Systeme werden smarter, angriffssicherer, vielleicht sogar schon autonomer. Dazu werden wir immer stärkere Vernetzungen der Dienste und Möglichkeiten sehen. Wo wir in 20 Jahren stehen, getraue ich mir momentan nicht mehr zu sagen – bei den disruptiven Entwicklungen für generativen KIs, wie beispielsweise ChatGPT, die wir in den letzten Monaten alle wahrgenommen haben. Aber ich bin mir sicher, dass die Menschen, die wir heute ausbilden, dazu beitragen, die Systeme weiter zu optimieren. Sie werden die neuesten Technologien die Zukunft der Industrie aktiv gestalten.